Die Schulgeschichte des Gymnasiums am Wall

Die Epoche der privaten höheren Töchterschule 1872-1922

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts  ist das deutsche Bildungswesen durch große gesellschaftliche Ungleichheiten extrem zersplittert. Dies trifft auch auf Verden zu, wo soziale und geschlechtsspezifische Unterschiede über den Bildungsweg der Kinder entschieden.  Die private Töchterschule in Verden entsteht auf Initiative von Eltern aus dem Besitz- und Bildungsbürgertum. Ihr Erhalt ist in den ersten Jahren nur durch starkes Engagement der Lehrerinnen möglich, die keine akademische Ausbildung erhalten hatten.  

Mit dem Schulgeld, das im Jahr 1885 bei 134 Mark lag, waren bei einem jährlichen Durchschnittseinkommen von 622 Mark, die meisten Familien vom Besuch der Schule noch ausgeschlossen (Lenk: 20). Viele Schülerinnen kommen aus Familien von Beamten, Kaufleuten und Handwerkern. Ein weiteres Hindernis vor dem ersten Besuch der Schule sind die Aufnahmeprüfungen. Da die Schule nicht als Internat funktioniert, mussten auswärtige Schülerinnen bei Verwandten und in Pensionen in der Stadt unterkommen oder pendeln. Diese Mädchen verließen bereits häufig nach der Konfirmation die Schule (Struß: 118).  

Obwohl die Mehrheit der Schülerinnen aus den wohlhabenden Schichten kommen, ist das Schulleben in den ersten 50 Jahren von der räumlichen Beengtheit und finanziellen Nöten geprägt (Ulrich: 2). Die schwierige Situation ist auch darauf zurückzuführen, dass die Schule vor allem durch Schulgelder privat finanziert werden muss. Ab den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts zahlen zuerst die Stadt und dann die Regierung in Stade einen geringen Zuschuss.   

Die Lehrer/-innen bleiben somit häufig nur kurz an der Schule, um danach an städtischen oder staatlichen Schulen weiterzuarbeiten, die ihnen eine Pension zusichern (Lenk: 28-29). Wie damals üblich, schieden verheiratete Lehrerinnen zudem aus dem Dienst aus (Zölibatsklausel), weil es ihnen nicht zugetraut wurde, dass sie sich um ihre und fremde Kinder gleichzeitig kümmern könnten. Dies führt dazu, dass vor der Jahrhundertwende nur 3 bis 4 Lehrerinnen vollzeitig an der Schule arbeiten. Um die Lücken zu füllen, helfen Lehrer der Volksschule, dem Domgymnasium und dem Lehrerseminar an der Schule studenweise an der Schule aus. Insgesamt sind etwa 10 Lehrer an der Schule angestellt.

Mehrfach scheitern Versuche einen öffentlichen Schulträger zu finden, an der ablehnenden Haltung gegenüber der Mädchenbildung. Ihr wird keine große Bedeutung zugemessen. Die Mädchen sollen in der Schule lediglich eine religiös fundierte Moral und eine geschlechtsspezifische Allgemeinbildung vermittelt bekommen, um auf ihre Zeit als Ehefrau und Mutter vorbereitet zu sein. Das vorrangige Unterrichtsfach ist deshalb Religion. Deutsche Literatur und vaterländische Geschichte erfahren ab den 1890er Jahren einen Bedeutungszuwachs. Als fremde Sprachen lernen die Schülerinnen zuerst Französisch und anschließend Englisch (bis 1925). Weitere Fächer sind Erdkunde, Rechnen/Raumlehre, Naturkunde, Zeichnen, Schreiben, Gesang, und weibliche Handarbeiten. Im Zeugnis wird auch das Benehmen der Schülerinnen bewertet. 

Ein normaler Schultag beginnt früh. Vor der ersten Stunde (ab 1905 viermal um 7 Uhr) warten die Schülerinnen täglich an der Tür und werden geschlossen in die Schule geführt. Schiefertafel, Griffel und Schwamm gehören zur Grundausstattung bei jedem Schulbesuch, der normalerweise um 15 Uhr endet (freie Nachmittage dienstags und freitags). Unterrichtet wird anfangs in Doppeljahrgängen nicht in Jahrgangsklassen, weil die Zahl der Schülerinnen einfach zu gering ist. Die Klassen werden mit römischen Ziffern beziffert und abwärts gezählt (X-I). Als Oberstufe gelten die Klassen (IV bis I), wobei Englisch erst in der Oberstufe erlernt wird.

1872

Ein Elternverein, die sogenannte Schulgesellschaft, übernimmt die Töchterschule der Schwestern Hertzig im Rößlerschen Haus in der Großen Fischerstraße. Diese Elternvereinigung kauft für 6450 Mark ein Gartengrundstück an der gutsituierten «Promenade» (heute Nikolaiwall) und errichtet dort mit einem einmaligen Zuschuss der Stadt Verden ein neues Schulgebäude. Bis dahin wurde allein das Gebäude in der Fischerstraße benutzt.   

1877

Die Aktiengesellschaft «Töchterschulhaus» wird am 3. März gegründet. Eine Aktie kostete 300 Mark, was etwa sechs durchschnittlichen Monatseinkommen entsprach (Lenk: 16). Das Stammkapital wird mit 12.000 Mark bemessen (S: 269) Die Gründung steht im Zusammenhang mit dem Schulneubau an der «Promenade». Das neue Gebäude bleibt im Besitz der Gesellschaft und wird an den Verein «Töchterschule» vermietet. Es liegt an der Promenade 19 gegenüber der Neuen Schule, der Volksschule (heute Außenstelle des Gymnasiums). Die Zusammenarbeit zwischen Schulgesellschaft und Schulverein führt häufiger zu Konflikten.  

1887

Mit Frau Luise Staats gibt es nach längerer Zeit wieder eine Schulvorsteherin (bis 1901). Vorher hatten Lehrer vom Domgymnasium die Leitung übernommen.  

1890

Der erste Versuch, die Schule von der Stadt Verden übernehmen zu lassen, scheitert am Widerspruch des Rates. Die Schule hat nur fünf Unterrichtsräume, was nicht dem Erlass des Preußischen Kultusministeriums entspricht (Lenk: 19). Die Lage ist so ernst, dass eine Abstufung der Schule droht.

1893

In Karlsruhe wird das erste deutsche Mädchengymnasium eröffnet. Anita Augspurg hält die Eröffnungsrede.

1896

Die «Actiengesellschaft Töchterschule» beschließt eine zweite Etage (aus-) zubauen, was im Zusammenhang mit der Kritik der Regierung in Stade an der Bezeichnung «Höhere Töchterschule» steht. Die Schule soll sich in Mädchen-Mittelschule umbenennen, weil sie nicht alle Anforderungen einer Töchterschule erfülle.

1902

Nach der Erkrankung der Schulvorsteherin Frau Luise Staats wird Fräulein Johanna Bickl zunächst kommissarisch Schulvorsteherin.

1904

Da ihr das wissenschaftliche Examen fehlt, kann sie nur mit Erlaubnis des entsprechenden Berliner Ministeriums Schulvorsteherin der Töchterschule werden (Lenk: 30). In dieser Zeit ändert sich die Organisation der Schule. Die Schulgesellschaft wird aufgelöst und an ihre Stelle tritt bis 1949 der Verein «Töchterschule in Verden» (Lenk: 15). Zu diesem Zeitpunkt hat die Schule etwa 135-140 Schülerinnen, was im Vergleich zu anderen Verdener Schulen, zum Beispiel zur benachbarten Mittelschule, immer noch wenig ist (1910: 553 Schüler und Schülerinnen).

1908

Zum ersten Mal können Frauen im Wintersemester 1908/09 in Deutschland ein Universitätsstudium beginnen. Parallel dazu wird das Mädchenschulwesen reformiert. Nun wird der Besuch einer zehnten Klasse für jede weitere Ausbildung notwendig. An die Höhere Töchterschule schließt das dreijährige Lyzeum mit Abschlussprüfung an. Mit der Prüfung erwarben die Absolventinnen direkt die Befähigung für das Lehramt an Mittleren und Höheren Mädchenschulen, weshalb das Lyzeum nicht nur ein Mädchengymnasium ist, sondern gleichzeitig ein Lehrerinnenseminar. In Verden scheitert die Einrichtung eines Lyzeums allerdings, weil die Privatschule keine Mittel für die erhöhten Anforderungen eines Lyzeums (u.a. neue Lehrer) hat und kein politischer Wille dahintersteht (Lenk: 26-27). Für die Mädchen bedeutet das, dass ihnen der weitere Bildungsweg in Verden weiterhin versperrt bleibt, weshalb sie entweder nach Hannover oder Bremen (Kleine Helle oder Gymnasium Kippenberg) müssen.

1912/

1913

Zwei Inspektoren des Berliner Kultusministeriums schließen eine Anerkennung als Lyzeum aufgrund zahlreicher Mängel aus. Der Schulvorstand beschließt aber die Einführung des entsprechenden Lehrplans und plant den Ausbau der Schule mit einer 10. Klasse, die den Übergang auf ein Lyzeum ermöglicht. An der Schule gibt es jetzt elektrisches Licht. Die Schule wird von 169 Schülerinnen besucht (Pertiet: 97).

1918

Im Ersten Weltkrieg engagieren sich viele «höhere Töchter» ehrenamtlich im Lazarettdienst (Struß: 10). Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges nimmt die Zahl der Schülerinnen schnell zu, von 160 (1917) steigt sie auf 265 (1922). Andererseits passt die Höhere Töchterschule nicht mehr zum demokratischen Zeitgeist. «Anlage und Neigung» und nicht Geld oder Stellung sollen für den Besuch der Schulen ausschlaggebend sein, wie im Artikel 146 der Weimarer Verfassung von 1919 zu lesen ist.

1920

Es wird eine verbindliche vierjährige Grundschule eingeführt, damit fallen die Vorklassen der Höheren Töchterschule weg. Die «höheren Töchter» besuchen jetzt gezwungenermaßen erst die Volksschule, was wiederum zu Platzproblemen führt, die in Verden zum Bau der Pestalozzischule führen.

Die Epoche der vollberechtigten höheren Mädchenschule unter dem Patronat der Stadt Verden 1922-1962

In den schwierigen Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg ist der Unterhalt der Schule aus privaten Mitteln nicht mehr möglich. Die Stadt übernimmt die private Töchterschule und rettet sie damit. Trotz der materiellen Schwierigkeiten bringt der offene Geist der Weimarer Republik in den 1920er Jahren eine Reihe von Innovationen. Neue Unterrichtsmethoden, mit einer stärkeren Beteiligung der Schüler am Unterrichtsgespräch, werden erprobt. Der Schulalltag erfährt insgesamt eine Demokratisierung durch die Einführung der Schülerselbstverwaltung, des Elternbeirates und des staatsbürgerlichen Unterrichts (Ulrich: 4). Zudem sollen körperliche Züchtigungen der Schüler nur noch im «dringendsten Notfall» angewandt werden. In der Praxis blieben sie mindestens bei einigen Lehrern ein beliebtes Erziehungsmittel (Struß: 121). Die Erziehung der jungen Mädchen zum guten Benehmen ist ein Hauptbestandteil der Bildungsanstalten, was man nicht nur an der versetzungsrelevanten Zensur für «Betragen» erkennt. Die Lehrer/-innen und vor allem die Schulleiter übernehmen auch außerhalb der Schulzeit soziale Kontrollaufgaben. Sie achten zum Beispiel darauf, dass sich die Jungen des Domgymnasiums und die Mädchen der Höheren Töchterschule beim «Bummel» zu den Eisdielen in der Innenstadt nicht zu nah kamen (Struß: 89; 121-122). Schulleiter Strasser ermahnte auch die Eltern und gab ihnen Erziehungsratschläge. 

Wie genau sich die vielen Reformen an unserer Schule ausgewirkt haben, ist noch zu erforschen. Es ist anzunehmen, dass nicht jede progressive Reform sofort komplett in die Praxis umgesetzt wurde. So gibt es anscheinend einen Elternbeirat, aber keine Schülerinnenselbstverwaltung (Pertiet: 98). Nach Größe stramm stehen und die Andacht vor Unterrichtsbeginn bleiben auch in der Weimarer Republik üblich (Struß: 119, 128). Sicher ist auch, dass sich der «Verein für das Deutschtum im Ausland» (VDA) eines großen Zuspruchs erfreut. 1930 waren 125 von 153 Schülerinnen im Verein, der mit der Patenschule in Kurmahlen (Lettland) Kontakt hält. Viele bürgerliche Mädchen sind in deutschnationalen Organisationen, wie  dem nationalistischen «Bund Königin Luise», in dem die Frau als aufopferungsvolle Mutter idealisiert wird (Struß: 31-33; 94; 129).

Hieran lassen sich die Spannungen der Zeit deutlich erkennen, denn für die Frauen bedeutet die Weimarer Republik und vor allem die Verfassung (11.8.1919) eine starke Aufwertung, weil sie jetzt als «grundsätzlich gleichberechtigt» gelten. In vielen Lebensbereichen ändert sich jedoch bis in die 50er Jahre wenig. Die bürgerlichen Frauen können zwar eine Berufsausbildung zum Beispiel zur Sekretärin oder Lehrerin schaffen, aber die meisten üben ihren Beruf nur bis zur Ehe aus. Für viele bleibt selbst die Berufsausbildung  ein Traum (Struß: 6-7). Die Ausbildung und das Gehalt der Lehrerinnen wird zwar an das der Lehrer angeglichen und formell  ist den verheirateten Lehrerinnen jetzt die Berufsausübung möglich (Aufhebung des Lehrerinnenzölibats), aber das gesellschaftliche Bewusstsein ändert sich nur langsam. Bestimmte Themen (Sexualität, Politik) werden in der Mädchenbildung tabuisiert (Struß: 129). Das Fach Physik wird nicht unterrichtet, weil laut vorherrschender Meinung die Naturwissenschaften nichts für Mädchen seien. Nur wenige Mädchen lernen bei einem Lehrer vom Domgymnasium Latein, um ihre Bildungschancen zu erhöhen (Struß: 117-119). Auch die Standesunterschiede sind durch die Weimarer Republik nicht aufgehoben. Die Schülerinnen, die durch herausragende Leistungen einen Freiplatz an der Schule bekommen und kein Schulgeld bezahlen, genießen wenig Anerkennung (Struß: 115).  

Die liberale Entwicklung wird in der Zeit des Nationalsozialismus schlagartig abgebrochen. Auch an unserer Schule dominiert das nationalsozialistische Gedankengut. Das Fach Rassenlehre wird eingeführt und die zwei jüdischen Schülerinnen, Hanni Baumgarten und Inge Rose Alexander werden zu sozialen Außenseitern. Sie sind als einzige nicht im Bund Deutscher Mädel (BDM). Der propagandistische Druck auf die Schule erhöhte sich immer weiter. Der Unterrichtsstoff (Rassenkunde, Vererbungslehre), der Schulalltag (u.a. Hitler-Gruß) und die Klassenräume (Hitlerbilder) werden der NS-Ideologie immer weiter angepasst. Ein Teil der Lehrerschaft wird dem Nationalsozialistischen Lehrer Bund (NSLB) aus Überzeugung oder erzwungener Anpassung beigetreten sein, um eine Entlassung zu verhindern.

Am Ende des Krieges dient das Schulgebäude teilweise als Lazarett und als Flüchtlingsunterkunft, weshalb der Unterricht an andere Orte verlegt wird. Mit der Besetzung von Verden beginnt ein neuer Zeitabschnitt. Die britischen Besatzungsbehörden überprüfen die Lehrkräfte vor der Wiederaufnahme des Schulbetriebes im Herbst 1945 mithilfe von Fragebögen. Schulleiter Paul Meinecke und sein Kollege Studienrat Dr. Karl Ropers werden im Juni 1945 aufgrund ihrer NS-Funktionärstätigkeit aus dem Dienst entlassen. Dr. Ropers wird jedoch ein Jahr später als «Mitläufer» eingestuft, was ihm eine weitere Tätigkeit als Lehrer erlaubt. Meinecke wird bis Ende 1947 in Fallingbostel interniert und muss anschließend noch 500, der ursprünglich 5000 Reichsmark als Strafe zahlen (Deuter: 93).     

1922

Zum 50-jährigen Jubiläum (ab 17.6.) wird die private Töchterschule unter Bürgermeister Urban eine öffentliche Schule. Er erklärt feierlich: «Die Schule soll allen Mädchen aus Stadt und Land ohne Unterschied des Standes und Berufes der Eltern offenstehen.» (Ulrich: 3). Die Stadt Verden wird damit neuer Schulträger (ab 1.3.) und kommt damit auch für die Pensionen der Lehrerinnen auf. Diese Weiterentwicklung ist sicher auf die Initiative einzelner Personen und den veränderten Zeitgeist zurückzuführen. Sie ist aber auch das Ergebnis der schwierigen wirtschaftlichen Situation, in der sich Deutschland in den ersten Jahren der Weimarer Republik befindet. Der Unterhalt einer Schule aus privaten Mitteln wäre in diesen schwierigen Jahren nicht mehr möglich gewesen (Pertiet: 97-98). Die Rolle der damaligen Schulleiterin, «Fräulein Bickel» ist dabei hervorzuheben. Sie betreibt den Ausbau der Schule, um die Bildungschancen der Mädchen zu erhöhen und gleichzeitig kostet sie ihr Erfolg tragischerweise den Posten der Schulleiterin. Da sie keinen akademischen Titel erworben hat, muss sie einem akademisch gebildeten Mann den Platz übergeben. Mittlerweile besuchen 276 Schülerinnen die Schule (Ulrich: 3), um die «Mittlere Reife» zu erwerben.

1923

Am 25.2. 1923 wird die Schule offiziell an die Stadt Verden übergeben. Sie ist damit eine staatlich anerkannte Höhere Töchterschule.

1925

Es wird -wieder einmal- überprüft, ob die Schule zur Unterbringung eines Lyzeums geeignet ist, damit Abgangsprüfungen in Verden stattfinden können. Das Gutachten nennt 8 Klassenräume zwischen 25 und 30 Quadratmetern, einen Zeichen- bzw. Gesangssaal, einen Physiklehrraum mit einem Geräteraum und einige weitere Räume (Lenk: 19). Die Räume werden mit Öfen beheizt. Das Gutachten bemängelt fehlende Räume. Englisch löst Französisch als erste Fremdsprache ab.   

1926

Studiendirektor Dr. Karl Theodor Strasser übernimmt die Leitung der Schule. 

1927

Das Schulgebäude wird umgebaut, wobei der Schulleiter Dr. Strasser weiterhin die unzureichenden naturwissenschaftlichen Räume, die schmale Turnhalle und einen fehlenden Festsaal (Aula) beklagt. Der Titel «Lyzeum i. E.» (in Entwicklung) wird erteilt.

1929

Die auf den Börsenkrach in New York folgende jahrelange Wirtschaftskrise führt auch in Verden zu großer wirtschaftlicher Not. Vor allem in den Volksschulen haben die Schüler kein Geld für die Unterrichtsmaterialien, kommen hungrig zur Schule und sind häufiger krank. Für die Mehrheit der Schülerinnen am Lyzeum dürften die Folgen der Wirtschaftskrise vergleichsweise mild ausgefallen sein. Im Schularchiv ist für diese Jahre eine Vielzahl von Schulausflügen dokumentiert.

1933

Ab dem 22. Juli  müssen die Klassen ihre Lehrkraft offiziell mit dem Hitlergruß begrüßen. Es werden Hakenkreuzbanner und Rassenkundetafeln angeschafft. «Undeutsche Autoren» und ihre Werke, wie z.B. Erich Remarques Antikriegsroman «Im Westen nichts Neues» werden verboten.

1934

Nach der «Machtergreifung» wird die Böselagersche Villa in der Georgstraße, die später als Schulgebäude dient, zum «Haus der SA» gemacht. Die Lehrer und Lehrerinnen werden auf Hitler vereidigt.

1935

Die Schule bekommt das Recht offiziell die Flagge der Hitlerjugend zu hissen, weil alle nicht jüdischen Mädchen Mitglieder im BDM sind.

1936

Der verstorbene Schulleiter Dr. Strasser (1936) wird durch Heinz Schödel ersetzt.

1938

Die Schule wird in die »Städtische Oberschule für Mädchen« unbenannt. Die letzte verbliebene jüdische Schülerin, Inge Rose Alexander, muss zwangsweise den stigmatisierenden Vornamen «Sara» annehmen.

1939

Oberstudiendirektor Paul Meinecke leitet die Schule. Er treibt den Ausbau zur vollwertigen Oberschule voran. Wegen der Mitgliedschaft in der NSDAP wird er von der englischen Besatzungsmacht später entlassen.   

1942

Die ehemalige Schülerin Inge Rose Alexander wird nach ihrer Flucht in die Niederlande (1939) nach Auschwitz deportiert. Am 4. November erreicht ihr Zug das Lager. Einen Tag später wird sie für tot erklärt.

1944

Dietlind von Seydlitz, Schülerin der Oberschule, wird nach dem Todesurteil gegen ihren Vater General von Seydlitz, der die Opposition gegen Hitler nach seiner Gefangennahme unterstützt hatte,   aufgrund der «Sippenhaft» von der Gestapo festgenommen und in Bremen inhaftiert. Sie ist 16 Jahre alt, als sie am 5. April abgeführt wird (Struß- v. P.: 214-215).

1945

Die Schulen in Verden sind durch die vielen Flüchtlinge völlig überfüllt. Am Lyzeum steigt die Schülerinnenzahl durch die Flüchtlingskinder auf 487. Die Notsituation an der Schule ist extrem: Hunger, Kälte durch Kohle- und Strommangel, fehlende Tische, Bänke, Bücher und Hefte (Ulrich: 4).

1946

In der Schule findet ein Notabitur für Kriegsteilnehmer – auch junge Männer – und Kriegsteilnehmerinnen statt.

1947

Die Schule ist kein Lyzeum mehr, an dem «Frau» lediglich die Mittlere Reife erlangen kann, sondern jetzt ist die Schule eine voll ausgebaute Oberstufe für Mädchen. 14 Abiturientinnen, die zum Teil nur durch die Kriegswirren nach Verden verschlagen wurden, legen die erste reguläre Abiturprüfung ab.

1949

Oberstudiendirektorin Gertraud Ulrich übernimmt die Leitung der Schule bis 1975. Sie wird von der englischen Besatzungsmacht als Schulleiterin eingesetzt.

1954

Die Schule heißt nun bis 1964 «Oberschule für Mädchen».

   

 Die Epoche des neusprachlichen Koeduktionsgymnasiums unter der Schulträgerschaft des Landkreises seit 1962

Die Nachkriegszeit und die 1950er Jahre sind eine Zeit des Wiederaufbaus und der geistigen Restauration. Erst in den 1960er Jahren kommt es zu einer umfassenden Neuorientierung des Schullebens. Der Unterricht wird modernisiert, was unter anderem zu einer Reduktion der Stoffmenge, zugunsten von exemplarischen und gegenwartsbezogenen Lernen im Fach Gemeinschaftskunde führt.

Die Befürchtung, dass ein niedriger Akademisierungsgrad der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft schaden könne, führt schließlich dazu, dass die alten Bildungsschranken fallen. Das Recht auf Bildung wird als Grundlage für Chancengleichheit aufgefasst, was gerade im ländlichen Raum zu einem Ansturm auf die weiterführenden Schulen führt. Die direkten Folgen dieser «Bildungsexpansion» sind erst einmal Raumnot, Lehrermangel, Unterrichtsausfall und Einsatz von Hilfslehrkräften. Durch Förderunterricht und Differenzierung der Schülerinnen nach Leistungsfähigkeit wird der Zustrom an Kindern, deren Eltern keine höhere Bildung genossen hatten, teilweise aufgefangen (Ulrich: 5).

Aus Rücksicht auf das Domgymnasium bleibt die Schule einzügig und neusprachlich ausgerichtet. Die Einrichtung eines mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweiges bleibt ihr somit verwehrt (Ebd.: 5). Mit der Koedukation können zum ersten Mal auch Jungen in Verden ein neusprachliches Gymnasium besuchen. Sie waren vorher auf das Domgymnasium, mit seinem naturwissenschaftlichen und humanistischen Zweig angewiesen. Gleichzeitig ist den Realschülern nun nach der Erlangung der «Mittleren Reife» der Einstieg in die Oberstufe und der Weg zum Abitur möglich.

1962

Der Landkreis ersetzt die Stadt Verden als Schulträger (1.4.) und übernimmt damit die Verantwortung für die 334 Schülerinnen. Zudem verpflichtet er sich zu einem Schulneubau (Ulrich: 6).

1963

Nach dem Abriss einiger benachbarter Gebäude wird am 1. April 1963 der Grundstein für den Neuausbau der Schule gelegt (Ulrich: 6). Das 1877 errichtete Schulgebäude wird 1966 abgerissen.

1964

Auf Bundesebene reagiert die Kultusministerkonferenz auf die «deutsche Bildungskatastrophe» und setzt sich das Ziel, Abiturienten- und Studentenzahlen zu erhöhen, um den Wettlauf gegen andere europäische Staaten nicht zu verlieren (Ulrich: 5). Die Koedukation am «Gymnasium am Wall» - wie die Schule jetzt heißt – wird mit drei Realschulübergängern begonnen. Der Name der Schule erinnert an den alten Standort der Schule am Nikolaiwall.

1965

Die beiden ersten Bauabschnitte des Neubaus mit dem Verwaltungstrakt und Fachräumen für die Naturwissenschaften, Kunst sowie Werken werden fertiggestellt (Ulrich: 6). In der Klasse 5 sitzen nun die ersten Jungen.

1966

Der Klassentrakt für die zweizügig konzipierte Schule, die inzwischen 737 Schüler- und Schülerinnen in 26 Klassen hat, wird fertiggestellt.

1968

Russisch wird zusätzlich als 2. Fremdsprache (neben Französisch) eingeführt.

1970

Die Turnhalle mit Nebenräumen (Januar) und die Aula[1] (Dezember) werden in Betrieb genommen.

1971

Die Reformierte Oberstufe wird mit der Jahrgangsstufe 12 nach engagierter und arbeitsaufwendiger Zusammenarbeit von Lehrern, Schülern und Eltern unter Studiendirektor Herzig eingeführt.

1972

Die Schule feiert ihren hundertsten Geburtstag. Das Gymnasium am Wall übernimmt eine Pilotfunktion für die Einführung der Reformierten Oberstufe in Niedersachsen. Mit der Oberstufenreform geht unteranderem ein verstärkter Ausbau des naturwissenschaftlichen Unterrichts einher. 

1974

Russisch wird neben Französisch zweite Pflichtfremdsprache.

1975

Die Oberstudiendirektorin Gertraud Ulrich geht in den Ruhestand.

1976

Dr. theol. Martin Pertiet wird am 1.2. Schulleiter des Gymnasiums am Wall in Verden.

1977

Die Orientierungsstufe wird im Landkreis Verden eingeführt. Die Gymnasien verlieren die fünften und sechsten Klassen und müssen zahlreiche Lehrer für die neue Schulform abstellen.

1981

Latein wird als dritte Pflichtfremdsprache eingeführt. Sie war vorher schon Wahlsprache ab Klasse 9.

1983

Fahrt der Schüler des 11. Jahrgangs hinter den «Eisernen Vorhang» nach Wilna, Pskov und Leningrad

1985

Am 12. und 15. Juli 1985 feiert das Gymnasium am Wall mit der Stadt Verden das 1000-jährige Stadtjubiläum.

1986

Das Fach «Informatik» kann als Prüfungsfach im Abitur gewählt werden.

1988

Die neue Bibliothek wird gebaut. In ihr werden die Fachbüchereien und die Schülerbücherei zusammengefasst.

1989

Zwischen einer Schule in Havelberg (DDR) und dem «GaW» findet ein Schüleraustausch statt. Auf dem Schulhof werden Bepflanzungen vorgenommen und es werden Sitzecken und Spielmöglichkeiten geschaffen. Ein geräumiges Gewächshaus wird in Eigeninitiative erbaut.

1993

Die neue Cafeteria bietet Möglichkeiten zum Essen, Trinken und zur Entspannung.

1997

Das Gymnasium am Wall feiert sein 125-jähriges Bestehen. Die Schule hat 747 Schülerinnen und Schüler davon 449 im Sekundarbereich I. und 298 in der Sekundarstufe II. Bei der Abiturfeier werden die ehemaligen Abiturienten von 1947 eingeladen und die Schriftenreihe des Gymnasiums am Wall wird begründet.

1999

Herr Budig wird Schulleiter am Gymnasium am Wall.

2000

Im Schuljahr 2000/2001 wird der Bereich Neue Technologien mit Sondermitteln des Landkreises modernisiert und erweitert. Der Schulhof an der Windmühlenstraße wird komplett erneuert und mit überdachten Fahrradständern ausgestattet.

2004

Nach mehr als 20 Jahren wird die Orientierungsstufe abgeschafft. Schülerinnen und Schüler des 5. und 6. Jahrgangs besuchen das Gymnasium am Wall, das durch das Gebäude der Kreisvolkshochschule erweitert wird, wo jetzt der Unterricht der Jahrgänge 11-13 stattfindet (Außenstelle). Insgesamt besuchen 350 Schülerinnen und Schüler das Gymnasium. Die 5B ist die erste «Bläserklasse». Zwei Unterrichtsräume werden zu Musikräumen umgestaltet, um die Beschulung der Bläserklassen in den Klassen 5 und 6 zu ermöglichen.

2005

Das GaW darf sich «Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage» nennen.

2007

Ab dem Schuljahr 2007/08 müssen zwischenzeitlich mehrere Klassen in der Kreismusikschule unterrichtet werden (bis 2011/12). 

2008

Am Standort der ehemaligen Synagoge (Johanniswall 7) werden die fünf Stolpersteine der Familie Grünfeld verlegt, für die Schüler des Gymnasiums am Wall die Patenschaft übernehmen. Die zweite jüdische Schülerin, Hanni Baumgarten, stirbt in Palästina, wohin sie 1940 geflohen war.

2009

Im Schuljahr 2009/10 werden die Kunsträume im Gebäudeteil C konzentriert und zum Teil neuausgestattet. An der Schule beginnen elektronische Tafeln („Whiteboards“) die traditionellen Kreidetafeln zu ergänzen. Der neue Portalserver IServ verändert die Kommunikation am Gymnasium am Wall.

2010

Die neue Sporthalle mit blauem Außenspielfeld sowie die Außenanlagen mit Kletterpark und Boulder-Wand sind fertig gestellt und werden in Betrieb genommen. Als neue Schulleiterin wird Petra Gilson-Sehrt am 20.12. 2010 mit einer Feier begrüßt. 1334 Schülerinnen und Schüler besuchen das Gymnasium am Wall.

2011

Die Umstellung von neun auf acht Schuljahre (G8) ermöglicht einen Rekord. Der doppelte Abiturjahrgang des Gymnasiums feiert nach 8 bzw. 9 Schuljahren sein Abitur. Aufgrund der Rekordzahl von 203 Abiturienten findet die Verabschiedung in der Niedersachsenhalle statt. Bereits vorher fand zum ersten Mal der Spanienaustausch mit der Partnerschule in Sant Vicenç de Montalt in der Nähe von Barcelona statt. Im Schuljahr 2011/12 beginnt die komplette Neuausstattung der Chemie- und Physikfachräume.

2012

Das Gymnasium wird zur offenen Ganztagsschule erklärt. Das Ganztagsangebot wird sukzessiv erweitert. Im Schuljahr 2012/13 beginnt auch der Bau der Mensa. Die Klasse 5C ist die erste «Chorklasse» am Gymnasium am Wall.

2013

Das Gymnasium wird Comenius-Schule und arbeitet mit fünf europäischen Nachbarländern an gemeinsamen Projekten. Zudem wird die Schule zur «MINT-freundliche Schule» (Mathematik-Informatik-Naturwissenschaft-Technik).

2014

Im Schuljahr 2014/15 wird der Schulhof mit Ruhezonen und «Hängematten» neu gestaltet. Die Schulmensa eröffnet und bietet ein abwechslungsreiches Essensangebot. Ein Gesundheitskonzept wird entwickelt. 

2016

Das Gymnasium am Wall wird zur ersten «Fairtrade-School» in Verden.

2019

Der letzte Abiturjahrgang mit G8 verabschiedet sich nach nur 12 Jahren vom Gymnasium am Wall. 

2020

Durch den Übergang von G8 zu G9 wird das Gymnasium keinen Abiturjahrgang haben.

2021

Seit 2011 wird erstmalig wieder ein Jahrgang sein Abitur nach 13 Jahren feiern.

2022

Das Gymnasium am Wall feiert sein 150-jähriges Bestehen.

M. Richter, Oktober 2019

Quellen:

Deuter, Hermann & Woock, Joachim: Es war hier, nicht anderswo!: Der Landkreis Verden im Nationalsozialismus, Verden/Aller 2016.

Lenk, Karl-Eckhard: «In ernster, schwerer Zeit ...» Die «Höhere Töchterschule» in Verden 1872-1922. Ein Beitrag zur Geschichte des Gymnasiums am Wall, Schriftenreihe des Gymnasiums am Wall 1, Verden/Aller 1997.

Pertiet, Martin: Mit auf den Weg gegeben ... Abiturreden eines Oberstudiendirektors aus zwei Jahrzehnten.

Schriftenreihe des Gymnasiums am Wall 4, Verden / Aller 1999.

Ulrich, Gertraud: Aufzeichnungen und Reden, Schriftenreihe des Gymnasiums am Wall 3, Verden/Aller 1999.

Struß- von Poellnitz, Annemarie: Sippenhaft für die Familie des Generals Walther von Seydlitz: In: Heimatkalender (1994): S.212-220.

Struß, Annemarie und Frucht, Irmtraut: Mit Bubikopf und braven Zöpfen. Verdener Frauen in der Weimarer Republik, Verden/Aller 1992.

 

[1] Oberstudiendirektorin Ulbrich in ihrer Eröffnungsrede am 5.12.9170: "[Die] Aula ist der Ort der Begegnung für Lehrer und Schüler, Schulfeste und politische Gedenktage. Aula ist der Ort des gesprochenen Worts, der freien Meinungsäußerung zu Schul- und Zeitproblemen. Aula sollte auch sein der Ort des Spiels, dem in unserer Zeit des Rationalismus und des Pragmatismus in den Schulen wieder mehr Raum gegeben werden müßte."

   

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